Digitalisierung in der Beschichtungsindustrie

Wenn man sich so wie ich schon lange im der Galvanikbusiness herumtreibt, reift schnell die Erkenntnis, dass wir Neuerungen nicht besonders aufgeschlossen gegenüber stehen. Sieht man sich Wissenschaft und Forschung an, so wird schnell klar warum das so ist: im Großen und Ganzen gilt unsere Branche seit den späten 60er Jahres des vergangenen Jahrhunderts als ausgeforscht. Warum sich dann noch mit Veränderung auseinandersetzten? Es geht doch. Und das schon über 60 Jahre lang.

Ich habe mich mit Lars Schmitt über dieses Thema unterhalten. Er hat mehrfach versucht, die Möglichkeiten der Digitalisierung auf die täglichen Problemstellungen der Beschichtungsindustrie anzuwenden. Aber er ist an der Unbeweglichkeit und dem Desinteresse der Branche gescheitert. Es wird Zeit, dass wir endlich aufwachen. Darum ist dieses Gespräch ein Muss für aufgeweckte Beschichter!

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Durch einen Beitrag im ZVO Magazin bin ich auf Lars Schmitt gestoßen. Es gibt eine Brücke einigen seiner bisherigen Projekte und der Plattform silberbird.de. Auch für silberbird.de habe ich schon lange die Idee, diese zu einer Vermittlungsplattform für Bandbeschichtungen auszubauen. Es gibt sogar ein weitestgehend fertiggestelltes Modul, den Silberbird Market, der aber aus verschiedenen Gründe nie live gegangen ist.

Lars Schmitt ist Wirtschaftswissenschaftler – kein Beschichtungsexperte. Im Rahmen eines Beratungsprojekts stieß er während seines Studiums auf die besonderen Anforderungen der Lohbeschichtung. Ihm fiel auf, dass an anderer Stelle inzwischen übliche Digitalisierungseffekte diese Branche bisher kaum oder sogar noch gar nicht erreicht hatten. Dabei sind die Voraussetzungen im Prinzip sehr gut geeignet: der Markt ist recht fragmentiert.

Anfang 2020 hat Lars eine Landingpage ins Internet gestellt und versucht sich als Vermittler für technische Oberflächen zu positionieren. Er bot an, Anfragen in diesem Bereich an einen Pool von möglichen Lieferanten zu vermitteln, um den Prozess besser kennenzulernen. Es war klares Ziel, diesen Prozess anschließend so weit wie möglich zu automatisieren. Das Experiment sollte zeigen, ob so eine Plattform überhaupt funktionieren kann.

Die ersten Kontakte zeigten schnell, dass die Qualität der Anfragen schlecht war. Oft fehlten entscheidende, technische Informationen, was Rückfragen seitens der Lieferanten erzeugte und damit einen relativ hohen, manuellen Arbeitsaufwand nach sich zog. Auch waren es sehr spezielle Aufgaben z. B. mit sehr kleinen Losgrößen oder Anforderungen, die sich nicht so ohne weiteres beurteilen ließen.

Es wurde schnell offensichtlich, dass der Markt diese neue Technologie eher mit Nischenproblemen testen wollte. Die Beziehung zwischen Kunden und Beschichter sind in der Regel solide und über viele Jahre gewachsten. Solange der bestehende Lieferant die Aufgaben des Kunden mehr oder weniger gut erfüllen kann, wagt sich kein Kunde in den restlichen Markt. Eine Plattform schafft Transparenz und ermöglicht schnelles Wechseln und flexible Kunden-Lieferanten-Beziehungen. Dies wird interessanter Weise aber von beiden Seiten scheinbar nicht gewünscht.

Grundsätzlich ist das Interesse im Markt durchaus vorhanden, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen. Sie wird aber durchgängig von großer Skepsis begleitet. Ein Intermediär wie z. B. eine digitale Plattform zur Auftragsvermittlung, bekäme u. U. eine große Marktmacht.

So kam es dazu, dass ein großer Hersteller von Pulverlacken die Idee aufgriff und versuchte diese für sich nutzbar zu machen. Hier war wahrscheinlich eher Sorge der Motivator, die eigene Marktposition geschwächt zu sehen.

Vielleicht war der Zeitpunkt zu früh gewählt. In die Unternehmen wachsen zurzeit junge Menschen nach, für die die Möglichkeiten der Digitalisierung selbstverständlich sind. Diese Klientel gilt es zu erreichen und mit ihnen die Möglichkeiten einer Plattform auszuloten. Dabei muss aber zwingend – das ist inzwischen sehr klar – Beratungskompetenz an die Plattform gekoppelt werden.

Lars Schmitt

Lars Schmitt ist Doktorand an der TU München im Bereich Wirtschaftswissenschaften. Im Rahmen seiner Promotion setzte er sich über drei Jahre hinweg intensiv mit digitalen Geschäftsmodellen auseinander, insbesondere mit Marktplätzen in gewerblichen Kontexten (B2B). Unternehmen, die das Modell eines B2B-Marktplatzes verfolgen, fungieren als Plattformbetreiber und möchten in der Regel Angebot und Nachfrage in einem bestimmten Industriezweig digital zusammenzuführen. Lars versuchte dies ebenfalls, mit einem „B2B-Marktplatz für industrielle Lohnbeschichtung“, was schließlich nicht zu einem unternehmerischen Erfolg wurde, aber mit interessanten Erfahrungen und Erlebnissen einherging.