Kein Bleigießen an Silvester

Ich gebe zu: Ich bin ein großer Fan vom Bleigießen. Und obwohl ich beruflich natürlich täglich mit Metallen arbeite, sind zwei Dinge gnadenlos an mir vorbei gegangen:

  • Es war bis 2018 gar kein reines Blei, sondern eine Bleimischung
  • Bleigießen ist seit 2018 verboten.

Während mir Ersteres bei näherer Betrachtung sofort klar gewesen wäre, ist der zweite Punkt tatsächlich an mir vorbeigegangen. Beim Versuch, Ende dieses Jahrs mein geliebtes Bleigießen-Set käuflich zu erwerben, stand ich vor Zinn und Wachs. Anscheinend habe ich in den letzten zwei Jahren meine „eisernen Reserven“ aus dem Keller aufgebraucht.

Schüttet man Reinzinn oder Legierungen mit einem niedrigen Bleigehalt in geschmolzener Form in kaltes Wasser – so funktioniert das silvesterliche Orakel – so bilden sich häufig recht unschöne, raue und filigrane Klumpen. Die Interpretation ist schwierig und wenig lustig. Häufig assoziiert man das Ergebnis mit den Dementoren aus den Harry Potter-Romanen oder mit anderen, eher aus dem Grusel-Genre bekannten Figuren. Kein guter Start ins neue Jahr. Inwiefern 2020 als Ergebnis des Bleigeiß-Verbots interpretiert werden kann, überlassen ich dem geneigten Leser dieser Zeilen.

Es gibt einen Zusammenhang mit der Fertigungsbranche.

Auch hier ist Blei inzwischen in vielen Bereichen verboten. Die RoHS hat das Blei ab 2002 aus den Lötoberflächen verbannt. Blei ist giftig. Kleiner Ausflug in die Geschichte: Es hat schon Könige dahingerafft. Ein recht interessanter Artikel zur Bleivergiftung im Mittelalter findet sich hier.

Die inzwischen geklärten, medizinischen Mechanismen erlauben es, das Verbot zu verstehen. Wenn der „Endkunde“ oder „Verbraucher“ in direkten Kontakt mit der Substanz gerät und ein gesundheitliches Risiko entsteht, ist das nicht tolerabel. Wenn aber ein geschulter Verwender, z. B. der Mitarbeiter eines Unternehmens in einem geschützten und geeigneten Umfeld in kontrollierbarer Menge mit diesen Materialien arbeitet sieht die Sache meiner Meinung nach etwas anders aus.

Substitution oder fauler Kompromiss?

Immer wenn ein Stoff verboten wird, muss Ersatz gesucht werden. Dabei kann es natürlich sein, dass gleichwertiger Ersatz vorhanden ist oder entwickelt werden kann. Die Substitution ist in diesem Falle zwingend, weil durch den Ersatz kein andersartiges Risiko oder Nachteil für das Produkt entsteht.

Vor meinem aktiven Eintritt in die Branche der Oberflächenbeschichtung, Anfang der 2000er-Jahre, wurde ein anderer Stoff verboten, der ganz ähnlich gelagert war: das Kadmium. Auch wenn das Kadmieren heute vereinzelt noch immer angeboten wird, beschränken sich die Anwendungen doch eher auf die Luft- und Raumfahrt. Warum? Weil hier die Funktion über die Risiken gestellt werden darf. In bestimmten Fällen ist eine Beschichtung mit Kadmium die optimale Lösung für ein Problem. In Bereichen der Waffentechnik, der Medizintechnik (*wie ironisch*) und wieder der Luft- und Raumfahrtindustrien sind übrigens auch heute noch Blei erlaubt und auch noch im Einsatz. Der Grund ist der gleiche: Lötungen mit Blei sind bestens bekannt, es liegen Erfahrungen über viele, viele Jahre vor und der Prozess gilt als sicher.

Ein Blick auf die Nickelallergien führt zum nächsten, aktuell noch auf bestimmte Gebrauchsartikel wie Schmuck oder Kurzwaren beschränkte Verbot eines Metalls. Auch hier ist ein Sinn zu erkennen, weil sich dieser Allergietyp immer weiter verbreitet.

Die Finnen als Hüter der Gesundheit in Europa

Logo der ECHA in Helsinki

In Helsinki, im hohen Norden Europas sitzt eine Behörde, die ECHA. Sie kümmert sich im Auftrag der Europäischen Gemeinschaft darum, dass wir Bürger vor Bedrohungen durch Stoffe geschützt werden. Manchmal jedoch schießt sie vielleicht am Ziel vorbei.

Für mich ist die wichtigste Frage, ob der Endanwender in Kontakt mit einem Problemstoff gelangen könnte, oder ob dieser „nur“ beim Verarbeiter unter kontrollierten Bedingungen zum Einsatz kommt. In letzterem Fall können Maßnahmen ergriffen werden, die eine Nutzung der Substanzen in einem kontrollierten Umfeld beherrschbar machen.

Nehmen wir zum Beispiel das Cyanid. Jeder der nicht mit diesem Stoff zu tun hat, kennt den Begriff vielleicht aus seinem Tintenstrahldrucker. Dort gibt es eine Farbe die Cyan heißt. Der Grund hierfür ist etwas unschön: die Cyanose. Wikipedia hält ein deutliches Beispiel für den Grund bereit: https://de.wikipedia.org/wiki/Zyanose#/media/Datei:Cyanosis-adult_fingertips.PNG. Fehlt dem Blut eines Organismus der Sauerstoff, so wird dieses bläulich. Cyanid im Blut sorgt leider sehr wirksam dafür, dass dies der Fall ist. Das Cyanid-Molekül blockiert im Hämoglobin die Aufnahme des Sauerstoffs und Zack: Der Mensch atmet und erstickt doch.

Die Galvanotechnik, und nicht nur sie, verwenden diese sogenannten Cyanide seit Jahrzehnten. Ich denke, die Cyano-Salze der Metalle waren schon sehr schnell zu Beginn dieser Technologie maßgebliche Basis für den Erfolg der Beschichtungsversuche. Ich sage mal: Der Galvaniseur weiß um die Gefahren und kann damit umgehen. Die meisten Galvaniseure haben nach einer nicht repräsentativen Umfrage in meinem Umfeld ihre Schwiegermutter noch *zwinker*. Aber das Zeug ist und bleibt hochgiftig und es ist zwingend erforderlich, beim Umgang mit diesen Substanzen besondere Sorgfalt walten zu lassen.

Im Vorgriff auf ein drohendes Verbot und weil auch viele Kunden sich wünschen, nicht mehr mit den giftigen Substanzen umgehen zu müssen, entwickeln die Fachfirmen als System-Zulieferer seit Jahren z. B. Silber-Elektrolyte, die ohne Cyan arbeiten. Der Erfolg ist mau. Auch ein breiterer Durchbruch der Weißbronze-Elektrolyte scheitert – nach meinem Dafürhalten – aktuell neben ihrer Komplexität auch daran, dass beherrschbare Zubereitungen auf cyanidischer Basis arbeiten.

Und nun noch Borsäure? Jetzt echt?

Die Galvanotechnik kennt die Borsäure als wichtigen Bestandteil in einem ihrer treuesten Arbeitspferde: die Nickelelektrolyten nach Watts (und seinen Derivaten). Für die Funktion dieser Elektrolyte ist ein pH-Wert-Puffer zwingend nötig und Borsäure puffert im Elektrolyten im optimalen Bereich. Es gibt Alternativen, die aber nicht so simpel und zuverlässig arbeiten.

Brauer kennen die Borsäure als Reinigungsmittel für ihre Kessel. Diese ist also durchaus auch im Bereich der Lebensmittelfertigung bestens bekannt und wird seit vielen Jahren eingesetzt. Sie war sogar einmal als Konservierungsstoff E284 direkt in Lebensmitteln enthalten. Und auch Demeter listet verschiedene Borsäure-haltige Produkte als Düngemittel.

Nun steht die Borsäure im Verdacht, die menschliche Fruchtbarkeit und das ungeborene Leben zu beeinflussen. Also droht ein Verbot.

Das Produkt findet sich nicht oder nur in Spuren in fertigen Produkten. Hier macht die Nickelschicht dann ihrerseits nur einen kleinen Teil der Gesamtmasse aus und kommt im Allgemeinen nicht in direkten Kontakt mit dem menschlichen Organismus.

Seit 2010 untersucht die ECHA, inwiefern Borsäure auf die Verbotsliste des REACh-Verfahrens aufzunehmen ist. Auch wenn 2017 zunächst Entwarnung kam, steht die Substanz aktuell in Wartestellung.

Fragen wir Paracelsus

In seinem Aufsatz zu diesem Thema in der Galvanotechnik 8/2017 verwies Dr. Joachim Heermann von Schlötter auf den berühmten Arzt und Alchimisten Paracelsus:

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift;
allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“

(Quelle: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Paracelsus/Septem+Defensiones/Die+dritte+Defension+wegen+des+Schreibens+der+neuen+Rezepte)

Dem kann hinzugefügt werden, dass gesunder Menschenverstand einer der verlässlichsten Grundlagen für Entscheidungen ist.

Also bitte, liebe ECHA,
verbiete Dinge, für die es einen gleichwertigen Ersatz gibt. Konzentriere dich darauf, gefährliche Substanzen von einer breiten Basis von Anwendern fern zu halten, und vertraue darauf, dass Unternehmen ein reges Interesse an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter hat. Gib Empfehlungen, aber glaube daran, dass Risiken beherrschbar sein können. Dann müssen wir solche Prozesse nicht in Länder auslagern, welche die Risiken nicht kennen, beachten oder in denen ein Menschenleben (noch) nicht die Stellung hat, wie bei uns.

Wir kriegen das schon hin.

Portraitbild von Oliver Brenscheidt

Oliver Brenscheidt

Geschäftsführer

Oliver Brenscheidt ist Chemiker mit mehr als 20 Jahren Erfahrung auf allen Gebieten der Galvanotechnik. Sein Urgroßvater Otto Brenscheidt gründete schon 1919 das heute noch tätige Familienunternehmen, sein Großvater Ernst gilt als Erfinder der Durchlauf-Galvanik.

Heute ist Oliver Brenscheidt Geschäftsführer der on Metall GmbH, er gründete die Brenscheidt Galvanik Service und betreibt die Website silberbird.de.